Der Verein Deutsche Sprache in Sachsen-Anhalt
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11. März 2011: Rund 60 Gäste diskutierten über »Kulturelle Identität im Zeitalter der Globalisierung« in den Franckeschen Stiftungen zu Halle

Der Verein Deutsche Sprache e. V. lud am 11. März 2011 zu einer Veranstaltung aus der Reihe »Kultur und Zeitgeschehen« ein

Von den halleschen Medien unbeachtet, fanden am 11. März 2011 rund 60 Gäste den Weg in die Franckeschen Stiftungen zu einem Gesprächsforum mit dem Philosophen Prof. Johannes Heinrichs. Unter den Besuchern waren auch der Bundestagsabgeordnete Dr. Christoph Bergner (CDU, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten) sowie das Mitglied des Landtages von Sachsen-Anhalt und Vorsitzender der FDP-Stadtratsfraktion von Halle (Saale), Gerry Kley. Bereits vor einem halben Jahr weilte Prof. Heinrichs am 11. September 2010 zum »Tag der Deutschen Sprache« auf Einladung der halleschen Regionalgruppe des Vereins Deutsche Sprache e.V. (VDS) in der Saalestadt. Hier stellten Prof. Walter Krämer, Gründer und erster Vorsitzender des VDS sowie Sprecher des Vorstandes der Stiftung Deutsche Sprache, und Dr. Cornelius Sommer, Vorsitzender des Beirats der Stiftung Deutsche Sprache, im Mitteldeutschen Multimediazentrum Halle ihr Buch »Deutsch lebt! Ein Appell zum Aufwachen« vor. Dieses haben sie gemeinsam mit Wolf Schneider und Josef Kraus geschrieben.

Zu Beginn der Veranstaltung am 11. März 2011 im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen stimmten Wolfgang Höhne und Hans Prozell die Gäste an Flügel und Saxophon musikalisch ein. Ihre Interpretation des Titels »What a Wonderful World« und die hervorragende Akustik des Freylinghausen-Saales verzückten das Publikum, was es mit zweifachem Applaus honorierte.

Nach der Begrüßung durch Arne-Grit Gerold, ehrenamtliche Leiterin der halleschen Regionalgruppe des VDS, erläuterte Prof. Heinrichs als (damaliges) Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des VDS seine Gedanken zur kulturellen Identität und künftigen Demokratieentwicklung. Er denkt beispielsweise darüber nach, wie das Kulturproblem »Muttersprache und Weltsprache« tiefer und auf breiterer Front angegangen werden könnte. Für ihn gibt es nicht nur ein Menschenrecht auf Muttersprache, sondern ein »jus culturae«, ein territoriales Recht der gewachsenen sprachlichen Kulturgemeinschaften.

Prof. Heinrichs stellte dabei deutlich heraus, dass die Erhaltung und kreative Weiterentwicklung der deutschen Sprache das größte und wichtigste nationale Kulturprojekt Deutschlands ist. Sie ist das kostbarste Kulturgut, das Medium des Zusammenhalts einer Nation und ihrer Identität. Dass das nicht nur eine Gelehrtenmeinung ist, belegt eine von der Zeitschrift »Reader’s Digest« für die Märzausgabe beim Meinungsforschungsinstitut »Emnid« beauftragte repräsentative Umfrage. Demnach erklärten 43 Prozent der Befragten die gemeinsame Sprache zum prägendsten Element der nationalen Identität.

„Bei der Aufgabe der Sprachpflege für unsere Muttersprache - wie für alle gewachsenen Muttersprachen - handelt es sich nicht um eine fachphilologische Aufgabe im Sinne der Pflege eines Denkmals, sondern um eine ausgesprochen sprachpolitische Aufgabe, um den erstrangigen Teil aller Kulturpolitik“, so Prof. Heinrichs. Dabei ist die berechtigte Abwehr unnötiger modischer Wortanleihen nur die Arbeit an den Symptomen. Aus dieser Erkenntnis ergründete Prof. Heinrichs die kulturellen und kulturpolitischen Ursachen für die sprachliche Hörigkeit und entwickelte daraus Leitlinien der kulturellen Identität, die er in eine grundlegende Demokratiediskussion einbindet.

„In Halle über die deutsche Sprache zu sprechen hat Sinn, weil hier durch Christian Thomasius zum ersten Mal Vorlesungen auf Deutsch gehalten wurden. Das war für den ganzen deutschen Sprachraum ein entscheidendes Ereignis. Christian Wolff hat dann auch, zumindest teilweise, auf Deutsch gelesen. Zwischendurch war er einige Jahre weg, weil er auf Konfliktkurs war. Das passiert Philosophen schon mal, aber sein Name ist doch mit Halle eng verknüpft“, begann Prof. Heinrichs seinen Vortrag. Nach diesem kleinen Exkurs in die Geschichte und einer Reflexion auf den Veranstaltungsort kam der Referent auf die Wortübernahmen aus dem Englischen, die sogenannten Anglizismen, zu sprechen. Dabei forderte Prof. Heinrichs den VDS auf, sich in seiner Tätigkeit nicht im Kampf gegen Anglizismen zu erschöpfen. Diese Auffassung findet sich übrigens im Strategiepapier der halleschen VDS-Regionalgruppe wieder: „Die Arbeit der Regionalgruppe konzentriert sich inhaltlich auf die beiden Bereiche Sprachpolitik und deutsche Sprache als kulturelle Identität. Es gilt deutlich zu machen, dass Internationalität bzw. internationale Bedeutung und das Bekenntnis zur deutschen Muttersprache (= kulturelle Identität) kein Widerspruch sind.“

Die Abwehr unnötiger, modischer Wortanleihen sei berechtigt und notwendig, ist aber für Prof. Heinrichs nur die Arbeit an Symptomen. Für ihn liegen die Ursachen für unsere sprachliche Hörigkeit gegenüber dem Englischen, besonders dem amerikanischen Englisch, in kulturellen und kulturpolitischen Fragen.

„Nicht zu unterschätzen ist der »deutsche Komplex«, da uns selbst knapp 70 Jahre nach dem Krieg noch immer suggeriert wird, kollektiv die Kriegsverbrecher und -verlierer zu sein. Insbesondere die junge Generation flüchtet gerne aus der deutschen Identität in eine Internationalität, in eine Sprache der Sieger - wir alle möchten flüchten, in eine unbescholtene Sprache. Dass das natürlich kulturell nicht gesund ist, versteht sich von selbst“, erläuterte Prof. Heinrichs. In seinem Buch »Der deutsche Genius« zeigt der britische Publizist Peter Watson auf, dass Deutschland bis zur Hitlerzeit die kulturell und geistig führende Instanz war. „Es wäre sinnvoll, sich daran zu erinnern, ohne überheblich zu sein. Die deutsche Sprache ist noch heute die größte europäische Muttersprache. Diese Meinung können wir jedoch ohne anzuecken nur vertreten, wenn wir ein kulturelles Selbstbewusstsein entwickeln“, meint Prof. Heinrichs. Doch auch das traditionell mangelnde Kulturbewusstsein außerhalb der Oberschicht ist eine weitere Ursache.

Ein weiterer wesentlicher Einflussfaktor ist die wirtschaftliche und politische Dominanz der USA und des Wirtschaftlichen in unserem Gemeinwesen im Sinne der Globalisierung. Prof. Heinrichs macht deutlich: „Wir müssen uns klar machen, dass unser Gemeinwesen unter der Übermacht der Wirtschaft steht. Schon der Volksmund sagt »Geld regiert die Welt«. Doch wenn das Geld regiert, kann nicht das Volk regieren. So ist unsere Demokratie nur eine Veranstaltung für die Schadensbegrenzung für das Regiment des Geldes.“ Das zusammenfassende Medium für die Wirtschaft ist das Geld, um die wirtschaftlichen Vorgänge zu vereinheitlichen. Das Medium der Kultur ist die Sprache. Nach Prof. Heinrichs können die grundlegenden und drängenden kulturellen Fragen im vorherrschenden System nicht beantwortet werden und entwickelte ein neues Demokratiemodell.

Heute werden Parlamentarier und Regierende der verschiedenen Parteien gewählt und sind für alles (oder nichts) zuständig. Das heißt, sie müssen alle Fragen des sozialen Systems zu Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerten gleichzeitig beantworten. Die Differenzierung dieser Ebenen ist die Basis der von Prof. Heinrichs entwickelten vier Herzkammern der Demokratie. Damit würde nicht die Wirtschaft beziehungsweise das Geld dominieren, sondern die Ebenen würden zueinander in geordneter Weise in Beziehung gesetzt werden. Mit dieser direkten und parlamentarischen Demokratie der Viergliederung hätte die Kultur künftig den ihr angemessenen Platz im Gemeinwesen. So könnten auch die Fragen der Sprachkultur fachgerecht beantwortet werden.

Zum Beispiel die, wie man im Zeitalter der Globalisierung das berechtigte Bedürfnis nach einer Weltsprache erfüllen kann. Wie kann man einerseits in eine internationale Sprache einstimmen und auf der anderen Seite seine eigene sprachliche Identität, und damit kulturelle Identität, bewahren? Für Prof. Heinrichs ist die Lösung verblüffend einfach: „Die Zweisprachigkeit! Der Weg des Übersetzens muss beschritten werden und nicht der Weg der kulturellen Unterwerfung!“

Zur Person:

Professor Heinrichs erläutert geduldig seine Ansichten

Prof. Johannes Heinrichs wurde 1942 in Duisburg-Rheinhausen geboren und trat 1962 in den Jesuitenorden ein. Schon als Student, der Philosophievorlesungen in Latein hörte, fragte er sich, ob man in einer fremden Sprache tatsächlich lebendig philosophieren könne. Im Ergebnis dieser Überlegungen reifte die Erkenntnis, dass echtes und kreatives Denken nur in der Muttersprache möglich ist. Zwischen Philosophie- und Theologieausbildung promovierte Heinrichs an der Universität Bonn. Im Nebenfach studierte er Sprachpsychologie und Neue Deutsche Literatur. Um der Freiheit des Denkens verließ er 1978 den Orden, worauf ihm die Tore zu deutschen Universitäten versperrt blieben, er nur gastweise Professuren wahrnehmen konnte und unter Pseudonym veröffentlichte. 1998 erhielt er als Nachfolge des DDR-Dissidenten Rudolf Bahro bis 2002 eine Gastprofessur für Sozialökologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Heute arbeitet Prof. Heinrichs als freier Schriftsteller.

 Text und Fotos: Jörg Bönisch