Prof. Hans-Joachim Solms, emeritierter Professor für Geschichte der deutschen Sprache und Literatur an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Vorstand des Vereins WortWerkWittenberg, rückte bei der „Redezeit“ in der LEUCOREA Wittenberg im Juli das Verhältnis von Sprache, Politik und gesellschaftlichem Zusammenhalt in den Mittelpunkt: Unter dem Titel „Was uns zusammenhält – Sprache und Politik“ wurde über die Fragen diskutiert, wie Sprache Gemeinschaft stiftet, Identität prägt und politische Auseinandersetzungen beeinflusst.
Im Vortrag wurde jedoch bewusst ein breiterer Blick gewählt. Nicht der Sprachgebrauch einzelner Politiker stand im Mittelpunkt, sondern die grundsätzliche Funktion von Sprache für das Gemeinwesen. Sprache, so die zentrale These, sei weit mehr als ein Kommunikationsmittel. Sie schaffe Zugehörigkeit und ermögliche die Bildung eines gesellschaftlichen „Wir“. Gleichzeitig grenze jedes „Wir“ auch andere Gruppen aus.
An zahlreichen aktuellen Beispielen zeigte der Referent, wie stark Sprache heute zur Markierung gesellschaftlicher Lager genutzt wird. Diskussionen über gendergerechte Sprache, politische Kommunikation oder den Umgang mit kontroversen Begriffen seien häufig Ausdruck tieferliegender Konflikte über Werte, Zugehörigkeit und gesellschaftliche Orientierung. Zugleich kritisierte der Vortrag eine zunehmende Tendenz zur sprachlichen Skandalisierung und Empörung. Immer häufiger würden politische Positionen mit drastischen moralischen Urteilen versehen, was sachliche Debatten erschwere.
Einen breiten Raum nahm die historische Einordnung ein. Prof. Solms erinnerte daran, dass die deutsche Sprache seit dem Mittelalter als gemeinsames Merkmal einer kulturellen Gemeinschaft verstanden worden sei. Besonders im 19. Jahrhundert habe die Idee einer sprachlich verbundenen Nation große politische Bedeutung erlangt. Persönlichkeiten wie Jacob Grimm oder Ernst Moritz Arndt hätten Sprache als entscheidenden Faktor nationaler Identitätsbildung betrachtet. Die gemeinsame Sprache sei damals zu einem Symbol des Zusammengehörigkeitsgefühls geworden und habe die Entstehung moderner Nationalstaaten mitgeprägt.
Vor diesem Hintergrund wurde die Frage aufgeworfen, welche Rolle gemeinsame kulturelle Bezugspunkte heute noch spielen. Aktuelle Studien zeigten, dass viele Menschen eine gesellschaftliche Spaltung wahrnähmen und den Wunsch nach Orientierung und kultureller Verlässlichkeit äußerten. Dabei gehe es nicht allein um politische Entscheidungen, sondern auch um Traditionen, Gewohnheiten und gemeinsame kulturelle Selbstverständlichkeiten. Die Sprache werde von vielen Menschen als wichtiger Bestandteil dieses kulturellen Eigenen empfunden.
Bei der „Redezeit“ handelt es sich um eine Vortragsreihe des Vereins WortWerkWittenberg e. V., des Instituts für deutsche Sprache und Kultur e. V. an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Stiftung LEUCOREA. Vierteljährlich werden interessante sprachliche und sprachpolitische Themen von einem Referenten vorgestellt, um anschließend darüber zu diskutieren.
Text und Foto: Jörg Bönisch